Piratengeschichte – Erinnerungen

Diesen Text darf ich mit freundlicher Genehmigung von Ernst-Joachim Preussler hier veröffentlichen, Danke dafür

Ahoi,

ich habe gerade auf Twitter das Bild von Age und Pyth vom LPT 2009 in Frankenau gesehen und ich bin nun etwas wehmütig. Dieser Landesparteitag war für mich -und nicht nur für mich, denn es waren viele Neulinge da – der erste Piratenparteitag überhaupt. Ich vermute, dies macht ihn für mich zu etwas Besonderem so wie für die meisten Piraten der sogenannten „2. Generation“, glaube aber, dass er auch für die „1. Generation“ ein Meilenstein war. Warum? Dieser Parteitag fand in Frankenau statt (also, Sorry, am Anus Mundi) und es waren genauso viele (oder mehr) Piraten anwesend wie bei den letzten Landesparteitagen. Ein Pirat kam mit Kamerawagen, es hatten sich zahlreiche Fahrgemeinschaften gebildet, Piraten wurden von der weit entfernten Bahn abgeholt und niemand redete über Parteienfinanzierung, Anreize, einen so weit entfernten Parteitag zu besuchen oder einen Vorstand mit einer Agenda.

Die Vielfalt an Leuten damals war beeindruckend. Viel mehr Stile und Persönlichkeiten als heute (und da sind es immer noch mehr als bei anderen Parteien). Konservative, Schlipsträger, Hippies, Goths, Linke, Anarchos, Kiffer einträchtig nebeneinander, vereint im Glauben an das gemeinsame Ziel. Keiner wurde wegen einer abweichenden Meinung ausgebuht oder gedizzt, alle haben mit angepackt und geholfen. Es wurde einfach gemacht und organisiert und kein Vorstand der Welt hat das koordiniert. Ein Vorstand brach wegen Aufregung und Übernächtigung kurz vor der Wahl zusammen und das war weder auf Popcornpiraten zu lesen, noch hat es jemanden gefreut.

Bis zu diesem Parteitag kannte ich die Hälfte des Vorstands nicht, höchstens vom Namen her und mußte z.B. „erschreckt“ feststellen, das Juergen Erkmann der Vorsitzende war. Warum erschreckt? Weil ich ihn ein paar Wochen davor bei einer völlig absurden Podiumsdiskussion, als wir nebeneinander im Publikum saßen, mit den Worten anschiß „Keiner verbietet mir hier den Mund!“, weil er mich bat, nicht so aggressive Fragen zu stellen. Wie? Das war mein Vorsitzender? Naja. So what. Ich habe mich übrigens nie dafür entschuldigt, also hier auf dem Weg: Tut mir leid, Juergen!

Aber so war dieser Parteitag: Gefühlt wie Woodstock, wir sind alle Piraten und da draußen, da stehen die böse Zensursula und der Stasi 2.0 Schäuble. Und je mehr wir für diese gemeinsame Sache vereinen, desto besser. Mir doch egal, dass mein Gegenüber riecht, ein Burschenschaftler ist, ein religiöser Mensch ist, Nasenringe trägt, Apple oder Linux oder Windows benutzt (hauptsache ein Laptop dabei!), einen Anzug trägt oder Ringelstrumpfhosen.

Was hat der alte Vorstand eigentlich gemacht? Hat da Scheiße gebaut? Egal, wird trotzdem entlastet, die machen das ja nicht für Geld. Und der neue? Naja, der wirkt irgendwie Belastbarer als der Andere, der kann sich nicht ausdrücken und der hat keine Ahnung von Finanzen. Irgendeiner wird schon gewählt und wenn es nicht mein Favorit ist, so ist es doch auf jeden Fall ein Pirat.

Ich habe auf diesem Parteitag so viele Leute getroffen, von denen ich schon so lange nichts mehr hier in Hessen gehört habe. Leute, die sich damals noch nicht Pirantifa, Queer, AG Geldordnung oder Kreisvorsitzender nannten und es dennoch irgendwie schon waren. Ich weiß nicht, ob sie umgezogen sind oder gegangen sind, aber ich fürchte Letzteres.

Über den ganzen Parteitag hinweg war die Atmosphäre entspannt, freundlich und konstruktiv, auch wenn wir – dank unausgereifter GO und seeehr vielen Satzungsnerds – natürlich zu kaum was gekommen sind. Aber trotzdem hatte ich am Ende das Gefühl, mehr erlebt zu haben als an jedem weiteren folgenden Parteitag. Ich weiß von später dazugekommenen Piraten, dass sie bei ihrem ersten Piratenparteitag ähnlich empfanden, also vermute ich, dass es so eine Art Magie des ersten Mal immer noch gibt. Aber ich behaupte mal, diese Magie gilt heute nicht mehr für jeden. Damals hatte ich das Gefühl, wirklich jeder der Teilnehmer hat am Ende des Parteitages mehr zurückbekommen als er investiert hatte.

In dieser Zeit habe ich ohne Amt und Würden beim Wahlkampf davor mitgeholfen, ich habe zensurbefreit, seitenlange Texte wie diesen auf diese Mailingliste gekippt: Viele davon lustig, satirig, zum Nachdenken anregend, viele politischer als alles was heute hier geschrieben wird. Und ich war nicht allein. Ich habe auf dem Parteitag geredet. Nicht einmal, sondern fast jedesmal. Und dafür wurde man dann nicht als Troll beschimpft, die meisten war froh, wenn viel über ein Thema diskutiert wurde, denn es gab wenig Anträge und jedes Fitzelchen mußte genau ausformuliert sein. Und nach einem Tag kam jemand zu mir und fragte mich, ob ich nicht seinen Antrag vorstellen könnte, weil er zu schüchtern dafür war und ich habe dies selbstverständlich getan. Ich sollte auch gleich für das Landesschiedsgericht kandidieren, aber das war mir dann als Newbie einfach zu vermessen, denn wie auch der Vorstand war das Schiedsgericht ja ein „verwaltendes“, „wissendes“ Organ, in das man nicht einfach mal so reingeht. Und zwar, weil damit Kompetenz und keine Öffentlichkeitsarbeit verbunden war.

Diese Text soll keine Werbung für „Zurück zu 2009“ sein, aber wenn er als solcher empfunden wird: Nur zu. Ich bin traurig, dass viele der Piraten nach dieser Zeit diese besondere Erfahrung nicht machen konnten und – leider -vermutlich nicht mehr machen können. Diese Zeiten sind so offensichtlich vorbei, dass es mich traurig un wehmütig macht.

Für mich wird immer dieser Parteitag ins Gedächtnis gebrannt bleiben, nicht der Parteitag mit meiner gescheiterten Kandidatur zum politischen Geschäftsführer oder die Aufstellungsversammlung mit meiner Listenwahl. Weil es die Geburtsstunde eines politischen Menschen war, die ich nicht mehr missen möchte.

Und ob ihr es mir glaubt oder nicht: Mir kommen gerade die Tränen.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. Seid Piraten.

Grüße Ernst

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2 Kommentare zu “Piratengeschichte – Erinnerungen

  1. Tja, so ist das immer wenn etwas neu ist. Da sind dann nur die Überzeugten dabei die sich hinter einer Idee, einem Gedanken, einem Gefühl vereinen. Anfangs kommen immer wieder nur wenige Neue die untergehen in der Gemeinschaft, die integriert werden können, lernen und sich anpassen. Die Gruppe bleibt übersichtlich genug das sich alle auf die Gemeinsamkeiten einigen können.
    Mit dem Erfolg kommen dann plötzlich grössere Gruppen Neuer. Weil es sind dann nicht mehr Einzelne die jemand mitbringt und einführt, es sind dann welche die kommen weil in den Medien steht „DAS ist das nächste grosse Ding“.
    Die gehen nicht mehr einfach unter, werden nicht mehr aufgesogen, die bilden dann eigene Untergruppen. Diese Untergruppen distanzieren sich dann voneinander weil die Kiffer nicht mit den Anzugträgern und umgekehrt und überhaupt. Auch viele von den „Gründern“ zieht es dann zurück zu ihren ursprünglichen Wurzeln. Es wird wieder wichtiger wer zu welcher Untergruppe gehört und nicht ob jemand an die ursprüngliche Idee glaubt.
    Wäre das ganze eine neue Subkultur würde ich sagen das irgendwo ein Kern dem Ursprünglichen Treu bleibt und der Rest im Mainstream aufgeht. Aber eine Partei? Da hätte man bei Grundgedanken bleiben müssen, sich auf wenige gemeinsame Grundwerte beschränken, nicht für jedes Problem, das jemand sieht, eine differenzierte Lösung erarbeiten weil jede detaillierte Betrachtung eines Kleinproblems, welches mit dem Grundgedanken nichts zu tun hat, bringt andere auf die Barrikaden die dieses Kleinproblem anders betrachten und sprengt die Gruppe, sorgt für Streit …. und ganz vor allem fehlen auch die Drogen die helfen Differenzen gelassener zu sehen 😉

    • Dass, was Du schreibst ist leider auch meine Beobachtung und deckt sich mit meinen Erfahrungen, dass da noch das Phänomen des sich absonderns, besonders machens hinzukommt.

      Was aber erstaunlich ist, dass $Mensch scheinbar nicht ohne sein geliebtes Feindbild auskommen will. Es wird gesucht, bis Feind gefunden ist, egal wo, egal wie, egal wann… Dieses Verhalten ist mir persönlich allerdings fremd, von daher fällt es mir auch sehr schwer, Verständnis dafür zu empfinden.

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